Warum viele die Teamleitung ablehnen – und was wirklich dagegen hilft
„Teamleitung? Och nö, viel zu anstrengend.“
Diesen Satz hört man in Unternehmen häufiger, als den Verantwortlichen lieb ist. Er kommt oft von genau den Leuten, die man sich in der Rolle wünschen würde: erfahren, angesehen im Team, fachlich sicher. Und er kommt schnell, fast reflexhaft, als hätte die Person längst entschieden.
Die übliche Reaktion darauf ist Zureden. Manchmal ein besseres Angebot. Das geht meistens schief. Und zwar aus einem einfachen Grund: Die Absage ist vernünftig.
Die Absage ist meistens vernünftig
Wer eine Teamleitung ablehnt, hat in der Regel gut hingesehen. Meistens auf eine dieser drei Sachen.
Die Rolle sieht nach Überforderung aus. Wer beobachtet, was von der aktuellen Teamleitung erwartet wird, sieht: Sie soll fachlich vorangehen, Konflikte auflösen, motivieren, bei persönlichen Krisen zur Verfügung stehen, Zahlen liefern und nebenbei noch ihre eigene Arbeit schaffen. Das ist keine Stelle, das ist eine Sammelstelle. Wer da nein sagt, hat richtig gerechnet.
Es gibt keine Vorbereitung. Die Rolle wird vergeben, nicht erlernt. Man bekommt sie, weil man fachlich der oder die Beste war. Am Montag findet man sich in einer Tätigkeit wieder, für die einen niemand ausgebildet hat.
Es ist unklar, was man überhaupt entscheiden darf. Verantwortung bekommt man sofort, Befugnisse selten. Man soll dafür geradestehen, dass das Team liefert, darf aber weder Prioritäten ablehnen noch über Werkzeuge entscheiden noch bei der Besetzung mitreden. Diese Kombination ist die zuverlässigste Art, Menschen zu verschleißen. Wer das einmal bei jemand anderem gesehen hat, meldet sich nicht freiwillig.
Drei gute Gründe also. Und drei, die sich abstellen lassen.
Was nicht hilft
Vorher kurz das, was regelmäßig versucht wird und nichts ändert.
Mehr Geld hilft nicht, weil Geld die Ursache nicht berührt. Es sorgt nur dafür, dass jemand ja sagt, der die Rolle richtig eingeschätzt hatte — und in zwei Jahren erschöpft wieder aussteigt.
Ein größerer Titel hilft nicht. Wer die Arbeit kennt, lässt sich davon nicht beeindrucken.
Ein zweitägiges Seminar über Führungsstile hilft auch nicht, wenn die Rolle danach genauso überfrachtet ist wie vorher. Man hat dann eine besser informierte Person in einer weiterhin unmöglichen Lage.
Und Zureden hilft am wenigsten. Es signalisiert: An der Rolle ändern wir nichts, du sollst sie nur trotzdem nehmen.
Erstens: die Rolle klären
Teamleitungen sind keine Therapeutinnen und keine Konfliktmanager. Sie sind gute Organisatoren.
Das ist keine Bescheidenheitsformel, sondern eine Berufsbeschreibung. Die Arbeit besteht darin, dem Team das Arbeiten zu ermöglichen: Hindernisse wegräumen, für Fokus sorgen, Absprachen halten, Einarbeitung organisieren, die Abstimmung nach außen übernehmen. Das ist anspruchsvoll und erlernbar — beides Eigenschaften, die eine seelsorgerische Rollenerwartung nicht hat. Was genau dazugehört, haben wir in einem eigenen Artikel aufgeschrieben.
Was dabei wegfällt, ist die Zuständigkeit für die innere Verfassung anderer Menschen. Zuhören gehört zum Beruf. Die Verantwortung dafür, dass es allen gut geht, gehört nicht dazu.
Der Effekt dieser Klärung ist unmittelbar. Eine Rolle, die man beschreiben kann, kann man auch ablehnen oder annehmen. Eine, die alles umfasst, kann man nur fürchten.
Zweitens: die Leute ausbilden
Wenn die Rolle ein Beruf ist, muss man sie lernen können. Und zwar bevor man sie hat, nicht ein halbes Jahr danach.
Wichtiger noch: Ausbilden heißt nicht nur, die künftige Teamleitung zu schulen. Es heißt auch, das Team mit auszubilden. Denn ein großer Teil der überzogenen Erwartungen kommt gar nicht von oben, sondern aus dem Team selbst. Wer nie gelernt hat, was eine Teamleitung leistet, erwartet eben doch, dass sie zwischen zwei Kollegen vermittelt, die miteinander nicht klarkommen — und ist enttäuscht, wenn sie das nicht tut.
Wenn alle dieselbe Vorstellung davon haben, was voneinander zu erwarten ist, wird die Rolle kleiner und die Zusammenarbeit einfacher. Das ist der eigentliche Zweck der Ausbildung: Nicht die eine Person stärker machen, sondern die gegenseitigen Erwartungen in Übereinstimmung bringen.
Drittens: das Mandat klären
Der dritte Punkt ist der, an dem die meisten Organisationen scheitern, weil er (vermeintlich) Macht kostet.
Ein Mandat zu klären heißt, vor dem ersten Tag festzuhalten, was diese Person entscheiden darf. Darf sie eine Anforderung ablehnen, die das Team gerade nicht schafft? Über die Arbeitsweise des Teams bestimmen? Bei Neueinstellungen mitentscheiden? Ein Budget für Werkzeuge freigeben? Auf jede dieser Fragen gibt es eine legitime Antwort. Aber „das klären wir dann situativ“ ist keine.
Der zweite Teil richtet sich an die nächste Führungsebene: Teamleitungen dürfen damit nicht allein gelassen werden. Ein Mandat, das im Konfliktfall nicht gedeckt wird, ist keines. Wenn die Teamleitung eine Anforderung abweist und die Ebene darüber sie beim ersten Widerspruch überstimmt, hat das ganze Haus in fünf Minuten gelernt, was ihre Zusage wert ist. Dazu gehört auch ein fester Termin — nicht als Berichtspflicht, sondern damit jemand da ist, wenn es klemmt.
Drei Fragen, bevor du zusagst
Wenn du gerade vor der Entscheidung stehst: Deine Bedenken sind vermutlich berechtigt. Aber sie richten sich meistens nicht gegen die Rolle, sondern gegen eine schlecht gebaute Version davon. Statt abzulehnen, kannst du diese drei Dinge verlangen.
Wofür bin ich zuständig — und wofür ausdrücklich nicht? Bitte um eine Liste. Wenn dabei „Konflikte im Team lösen“ oder „für Motivation sorgen“ steht, ist das der Punkt, an dem verhandelt wird.
Wie werde ich darauf vorbereitet, und wann? Vor der Übernahme, nicht danach. Und: Wird das Team mit einbezogen?
Welche Entscheidungen darf ich allein treffen? Drei konkrete Beispiele aus dem Alltag reichen. Wenn keine klare Antwort kommt, weißt du, was dich erwartet.
Eine Organisation, die diese drei Fragen beantworten kann, hat die Rolle verstanden. Eine, die es nicht kann, würde dich verschleißen — und dann ist „och nö, viel zu anstrengend“ die richtige Antwort.